Als der Krieg ins Sauerland kam: 7. April 1945 – So ergeht es den Soldaten

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sherman schmallenberg

Ein amerikanischer Sherman-Panzer vor dem Rathaus von Schmallenberg, wohl 8. April 1945. Foto: US – Army

Der deutsche Oberbefehlshaber im Ruhrkessel, Generalfeldmarschall Model, verlässt sein provisorisches Hauptquartier in Olpe; die Front rückt zu nah an die Kreisstadt heran, denn am 6. April haben die Amerikaner im Süden den Großangriff über die Sieg begonnen. Mit Zwischenstation in Milstenau bei Ennest verlässt er den Kreis Olpe über Schönholthausen durch die Wälder in Richtung Sundern. Im Westen fällt Siegburg. Im Norden entbrennt die Schlacht um die Soester Boerde, ein 19-jähriger Leutnant versucht mit einigen Versprengten, Kallenhardt zwischen Warstein und Rüthen zu halten. Weiße Fahnen der Bevölkerung werden von ihm mit dem MG zerschossen. Er muss kurz darauf mit vielen anderen sterben. Im Osten zieht sich die Panzerbrigade 106 von Winterberg über Silbach und Niedersfeld zurück. Am 6. und 7. April kommt es zu heftigen Gefechten um Brunskappel bei Olsberg. Um Olsberg selbst tobt der Kampf schon seit zwei Tagen. Die dorthin aus Meschede verlegte NSDAP-Kreisleitung befielt Kinder und Senioren zum Bau von Panzersperren. Am Wilzenberg bei Schmallenberg kommt es ebenfalls zu fanatischen Schießereien mit vielen Toten. Die Schlinge zieht sich um die Verzweifelten immer weiter zu.

Doch das sind alles nur Wegmarken, Namen, Orte und Daten, wie so oft.

Brunskappel-Negertal

Vor genau 70 Jahren ein Ort des Schreckens: Brunskappel im Negertal, zwischen Winterberg und Olsberg im HSK. Alle Gräber tragen das Datum 6./7. April 1945. Foto: A. Gandras

Es gibt jedoch ein sehr, sehr eindringliches Zeugnis aus diesen Tagen. Vor dem Weiterlesen möchten wir Sie jedoch vorwarnen: Es trifft ein analytischer Verstand auf eine ungeheure Situation, vor 70 Jahren, mitten im Sauerland.

Es erinnert sich der ehemalige Hauptmann und Kommandeur der Panzerbrigade 106 „Feldherrnhalle“, Richard Pohl, ebenso exakt wie schauderhaft an die erbitterten Kämpfe um Linnepe, ein Dörfchen bei Sundern. Er schrieb im Buch „Der Große Kessel“ von Willi Mues, einer Dokumentation zu den letzten Kriegstagen in Westfalen, erschienen im Selbstverlag in Erwitte/Lippstadt 1984:

Richard Pohl

Major a. D. Richard Pohl (li.) erinnert sich an furchtbare Begebenheiten als Hauptmann und Kommandeur der Panzerbrigade 106 im Buch „Der Große Kessel“ von Willi Mues, erschienen im Selbstverlag, Erwitte/Lippstadt 1984. Das nun über 70 Jahre alte Bild stammt aus Richard Pohls Besitz.

An Weiterfahren ist im Augenblick nicht zu denken, die Luft ist voller Jabos (Jagdbomber). Ich gehe etwa hundert Meter die Hügellehne hinauf, setzte mich mit dem Fernglas unter eine kleine Birke und beobachte Linnepe: Dort stimmt etwas nicht, da sind schon Panzer drin! Unten wartet meine Mannschaft in Fliegerdeckung. Über dem Endorfer Berg steht eine große schwere Brandwolke, der Ort liegt im Zentrum des amerikanischen Angriffs von der anderen Seite her. Immer wieder stoßen die Jabos wie grimmige Taranteln auf das arme Dorf herab, und immer wieder sieht man das bösartige, blaugrüne Züngeln ihrer Bordwaffen. Es ist jetzt gegen 14 Uhr. Ständig höre ich Pak- (Panzerabwehrkanone) und Panzerfeuer aus Linnepe.

Da sitze ich nun im raschelnden Laub des vergangenen Herbstes, durch das schon seit Tagen der neue Frühling heraus sprießt. Eben biege ich einen Birkenast zur besseren Tarnung zurecht, als sich mein Schicksal mit voller Wucht und im Zischen und Orgeln aus der Luft her zu besiegeln scheint: Ich kann es noch heute nicht recht beschreiben, wie alles ablief, jedenfalls umfing mich plötzlich ein unheimlich wirbelnder Luftdruck, schräg von vorn kommend, und ich hatte das Gefühl, dass mich unausweichbar eine schwere Pranke mit unheimlicher Wucht zusammenschlug.

Ich habe keinen Abschuss gehört, nichts. Der furchtbare Schlag einer wohl auf zwei Meter Entfernung eingeschlagenen Granate hat mich aus dem Sitz kurz nach hinten gerissen, aber sogleich fasste ich mich wieder.Während ich den nach hinten auf den Rücken gewirbelten, gelenklosen linken Arm mit der heilen Rechten wieder nach vorne hole, sage ich als erstes Wort, mehr Hohn als Feststellung: ,So, nun hat´s dich ja auch!´

Im Hintenübersehen stelle ich fest, dass mein Fernglas weggerissen ist, mein linkes Schulterstück mit einem tellergroßen Stück des Kradmantels und der schwarzen Uniform fehlt. Aus der Höhlung des hinten herausgerissenen Schultergelenks starren die silbernen Randflächen der leeren Achselpfanne, während an einem Sehnenfetzen noch Knochenteile aus der Wunde hängen und das Ganze von vorn so gut wie gar nicht zu sehen ist.

Nun versuche ich, ohne Hilfe der Hände aufzustehen. Das geht kaum, denn ich muss mit der Rechten ja den leblos baumelnden und nun auch schon langsam schmerzenden Arm am Handgelenk festhalten. So wippe ich mehrmals nach vorn, und endlich stehe ich wieder. Mit dem Gefühl eines Buben, der seine Schläge bezogen hat, und einer unbeschreiblichen Wurschtigkeit gehe ich den Hang hinunter zu den dort wartenden Fahrzeugen. Noch bin ich gar nicht ganz da, als schon Feldwebel Haberkorn, meine Gefechtsordonanz, ,Anwerfen!´ befielt.

Noch im Herankommen sage ich kurz ,Verbandskasten!´ Mein blasses Gesicht macht ihn stutzig, er tritt zur Seite und sieht den zerfetzten Rücken. Mit einem mir unvergesslichen Ausdruck seiner blauen Augen entfährt es dem treuen, unerschrockenen Kameraden: ,Ach, Herr Hauptmann!´
(…)
Mit dem Dreieckstuch banden wir den Arm hoch. Jetzt erst, nach fast fünf Jahren voller Feldzüge, öffnete ich meine Morphiumkapsel, die ich noch vom ,Englandkommando 1940´ als Tauch-Panzermann besaß, und nahm gleich drei Tabletten auf einmal, der Schmerzen wegen.

´Zur Division und ins Lazarett!´befehle ich und setze mich neben den Fahrersitz. Warm und stetig sickert an der linken Körperseite das Blut herunter an meinem Bein entlang und sammelte sich in meinen Stiefeln. Wir nähern uns Linnepe, schwerstes Feuer liegt auf dem Ort. Im Näherkommen stelle ich fest, dass der Ami noch nicht drin ist, deutsche Landser springen über die Straße, Deckung suchend. Ich befehle ,Durchfahren!´ Etwa dreißig Meter vor uns springen erneut zwei Infanteristen über die Straße. Da haut wieder eine ganze Lage genau vor den Ortseingang. Ein Landser rollt getroffen in den Graben und robbt ums Leben aus dem Inferno von Qualm und glühendem Eisen den Graben entlang, der andere wirbelt, im drehenden Fallen in zwei Teile zerrissen, unmittelbar vor unsere Räder, wie eine geschmähte Frucht der Schlacht. Noch im Grauen des Geschehens brülle ich: ,Links!´Schon sind wir vorbei, durch Qualm, Gestank und Brand. Zwei Ortschaften weiter hört das Feuer langsam auf.“

Bis nach Hemer mussten sie sich anschließend durchschlagen, erst dort konnte Richard Pohl fast eine Stunde später im Lazarett behandelt werden.

Abschließend erinnert er sich: „Im Handumdrehen wird ein dritter Tisch hereingeschoben, schon senkt sich die Evipannadel tief in den Arm, und im herrlichen Gefühl des Geborgenseins versinkt mein Bewusstsein in ein stilles Traumland, das ich seit Monaten nicht mehr gekannt habe: Alles vergessend, alles verzeihend, glitten die Gedanken in ein langes, leeres Nichts…

Am 7. April 1945, nur 4 Wochen vor dem Ende des 2.Weltkrieges, erlebt Schmallenberg seine dunkelsten Stunden. Nachdem…

Posted by WDR Lokalzeit Südwestfalen on Dienstag, 7. April 2015

 

Vor 70 Jahren, am 8. April 1945, sprengten Pioniere der deutschen Wehrmacht auf dem Rückzug vor der US-Army die Eisenbahn-Brücke in Oberalbaum.

Posted by Westfalenpost Kreis Olpe on Dienstag, 7. April 2015

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